Als Scott Cooper für seinen Oscar prämierten Film Crazy Heart auf Promotion-Tour in die Kleinstadt Braddock kam, muss diese wohl einen so großen Eindruck auf ihn gemacht haben, dass er bei der Suche nach dem passenden Drehort für sein nächstes Projekt sofort an sie dachte. In der abgehalfterten Stadt mit ihren stillgelegten Fabriken und Werkshallen erinnert absolut nichts mehr an die stolzen Tage der amerikanischen Stahlindustrie. Der Zusammenbruch einer ganzen Industrie, einhergehend mit dem Verlust tausender Arbeitsplätze, hat diesen Ort schwer gezeichnet. Der viel zitierte und tief in der Kultur der USA verankerte amerikanische Traum ist hier ganz offensichtlich gescheitert und bietet somit den perfekten Nährboden für eine Geschichte über Perspektivlosigkeit, Verbitterung und Rache.

 

Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen die beiden ungleichen Brüder Russell und Rodney, gespielt von Christian Bale und Casey Affleck. Russell ist bescheiden und schuftet wie schon sein Vater vor ihm im örtlichen Stahlwerk. Berufssoldat Rodney ist vom Krieg im Irak gezeichnet und kann die Ansichten des Bruders so gar nicht teilen. Für ihn sind ihr totkranker Vater und ein kleines Gehalt Grund genug, andere Wege zu gehen. Seine Tage verbringt er meist in Wettbüros und Bars. Die angehäuften Schulden beim örtlichen Buchmacher versucht er durch schlechtbezahlte Faustkämpfe abzustottern.

Zwei Ereignisse geben der Geschichte die entscheidende Richtung. Zuerst wird Russell unter Alkoholeinfluss in einen Autounfall mit Todesfolge verwickelt. Er muss daraufhin ins Gefängnis und erlebt in Abwesenheit den Tod seines Vaters. Seine Freundin verlässt ihn in dieser Zeit und sein Bruder Rodney kommt endgültig gebrochen aus einem weiteren Kriegseinsatz zurück. Während Russell nach seiner Entlassung versucht an sein altes Leben im Stahlwerk anzuknüpfen, entscheidet sich Rodney zu einem folgenschweren Fehler. In den Wäldern nahe von Braddock will er für den brutalen Crystal Meth Dealer DeGroat, gespielt von Woody Harrelson, einen Faustkampf bestreiten. Rodney wird den Wald nicht wieder lebend verlassen und Russell schwört Rache.

Scott Cooper erzählt die Geschichte von hier an in aller Ruhe weiter, ohne dabei das Genre zu wechseln. Russell sieht nicht rot und geht auf einen Rachefeldzug. Stattdessen muss er sich mit dem Polizeichef, der sich seine Ex-Freundin geangelt hat, wegen der Festnahme DeGroats auseinandersetzen. Dem Hauptdarsteller bleibt gewissermaßen nichts erspart. Da die Polizei in den Wäldern nur wenig Einfluss auf die verschworene Landbevölkerung hat, macht sie Russell nur wenig Hoffnung auf die Festnahme DeGroats. Von hier an nimmt er die Dinge selbst in die Hand.

Ließt man die Kritiken deutscher Tageszeitungen, so taucht dort immer wieder der Titel „The Deer Hunter/Die durch die Hölle gehen“ auf. Jene Geschichte spielt nur unweit von Braddock entfernt und handelt über drei Freunde, die in einem Stahlwerk arbeiten, nach Vietnam gehen, dort sterben oder gebrochen zurückkehren. Der aus dem Jahre 1978 stammende Film von Michael Cimino war mit Robert De Niro, Christopher Walken und Meryl Streep top besetzt und heimste 5 Oscars, darunter für den besten Film, ein.

Parallelen zwischen diesen beiden Filmen sind offensichtlich. Den aktuellen Streifen von Scott Cooper jedoch als eine Art Abklatsch zu sehen, ist dann doch etwas zu einfach. Thematisierte Cimino hauptsächlich den Krieg und seine Folgen, versucht Cooper eher die Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs der USA  näher zu beleuchten. Hierbei verlegt er die Front in die USA selbst. Die Abspaltung und Unkontrollierbarkeit einer ganzen Region, gepaart mit der Zunahme der Drogenkriminalität zeigt die aktuellen Probleme eines Landes, das nebenbei noch Weltpolizist spielt und einen Teil seiner Männer gebrochen zurück lässt.

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