Stars Hollow ist ein verschlafenes Nest irgendwo in Amerika.

Die eingeschworene, etwas schrullige Dorfgemeinschaft feiert die Inbetriebnahme der ersten Ampelanlage, anderntags kann sie sich über die Ausrichtung des Dorffestes zerstreiten. Der Bürgermeister verkleidet sich gelegentlich, um den Alltag seiner Schutzbefohlenen inkognito zu erkunden; und Frau Kim, die Antiquitätenhändlerin, lässt einfach nicht zu, dass jemand ihren Laden verlässt, ohne etwas gekauft zu haben. Das Herz von Stars Hollow ist Luke’s Diner, ein kleines, urgemütliches Café im Zentrum, das von dem spröden Luke (immer mit Schirmmütze: Scott Patterson) geleitet wird. Luke’s ist der Ort, wo in „Gilmore Girls“ Freund- und Feindschaften entstehen, Ränke geschmiedet, Hochzeiten geplant und vermeintliche Väter gesucht werden. Die Einwohner von Stars Hollow geben sich die Klinke in die Hand. Zwei davon stehen im Mittelpunkt des Geschehens: Lorelai und Rory Gilmore (Lauren Graham, Alexis Bledel); Mutter und Tochter. Dabei wirken sie eher wie Schwestern, oder beste Freundinnen – was naheliegt: Denn Lorelai wurde mit Rory schwanger, als sie gerade mal sechzehn war. Sie war nicht bereit, den Vater – Chris – zu heiraten, zerstritt sich mit ihren Eltern und zog schließlich aus. In Stars Hollow fand sie Arbeit im „Independence Inn“, dem ansässigen Hotel, und arbeitete sich dort bis zur Managerin hoch. Nebenbei erzog sie eine Tochter, versteht sich. Die erste Staffel der Serie (ausgestrahlt 2000) setzt ein, als Rory, inzwischen Teenager, ein Angebot bekommt, auf eine hervorragende Schule zu gehen. Da Lorelai die erforderlichen Schulgebühren nicht aufbringen kann, bittet sie ihre wohlhabenden Eltern (Kelly Bishop, Edward Hermann) um Hilfe. Die willigen ein – unter der Bedingung, dass Rory und Lorelai sich zu einem wöchentlichen Abendessen bei den Großeltern einzufinden haben. Das gefällt der eigensinnigen Lorelai zwar gar nicht, aber notgedrungen willigt sie ein … und die erste Staffel nimmt ihren Lauf.

Für die Drehbücher von etwa zwei Dritteln der Folgen zeichnen Amy Sherman-Palladino, von der das Konzept im Übrigen entworfen wurde, und Daniel Palladino verantwortlich. Das Auf und Ab der folgenden 154 Folgen (verteilt auf sieben Staffeln) zu beschreiben, übersteigt den verfügbaren Platz bei Weitem. Soviel sei gesagt: Der verschlafene Eindruck, den Stars Hollow anfangs macht, trügt! Denn die Einwohner schütten den Kaffee schier literweise in sich hinein; das Resultat ist die dialogschnellste Serie der Welt. Der Dialogwitz hat der Serie zu einer ganzen Reihe von Auszeichnungen verholfen; neben den Damen und Herren von Stars Hollow sieht manche Screwball-Königin recht blass aus. Die deutsche Synchronisation gibt sich keine Blöße und kann, was die Gagdichte betrifft, locker mithalten – wenn auch nicht alles ganz so brillant rüberkommt wie im amerikanischen Original (was einfach daran liegt, dass manche Scherze kaum zu übersetzen sind). Die „Gilmore Girls“ haben etwas Märchenhaftes: Zwar werden oft aktuelle Bezüge in Nebensätzen eingeflochten, doch viele Einwohner des kleinen Städtchens sind überzeichnet bis zur Burleske. Stars Hollow erscheint, zumal in den ersten vier Staffeln, als tragikomisches, in sich geschlossenes Universum – an dessen Entwicklung teilzuhaben freilich eine Menge Spaß bedeutet. Eine der Serien, die auch nach Jahren noch gefallen. Die Hauptdarstellerinnen wählten sich übrigens während ihres Serien-Engagements gerne Filmrollen, die ihren Figuren konträr angesetzt waren: So war Alexis Bledel eine unglückliche Hure in Robert Rodriguez‘ „Sin City“, Lauren Graham verführte in „Bad Santa“ den gar nicht kinderfreundlichen Billy Bob Thornton.

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